Planspiel Börse II: Beruflichen Schulen Groß-Gerau
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Erfolgreich dem Rat der Experten widersetzt

Glückliche Nachwuchsbroker: Ksenia Rustamova, Tim Müller und Olga Klein (von links).

Planspiel Börse - Groß-Gerauer Schüler belegen bundes- und europaweit Platz zwei - Gewinne mit VW und General Motors


BERLIN/GROSS-GERAU. Mit einem hervorragenden Ergebnis von 108 992,67 Euro konnten die „Allstars“ vom Beruflichen Gymnasium Groß-Gerau ihr fiktives Startkapital von 50 000 Euro mehr als verdoppeln. Tim Müller, Tobias Reitz, Olga Klein und Ksenia Rustamova landeten damit beim 26. Planspiel Börse bundes- und sogar europaweit auf Platz zwei und wurden Landessieger im Gebiet Hessen/Thüringen. Ein Erfolg, den die vier während der dreimonatigen Spielzeit mit lediglich 18 Transaktionen erzielten, und den sie vor allem einer Aktie verdanken: Volkswagen.


„Alle Experten haben davon abgeraten, auf Autos zu setzen“, erläutert Tim Müller, Kopf der Truppe, schmunzelnd, „aber mit VW haben wir einen satten Gewinn eingefahren.“ Auf Kalkül und speziell angeeignetes Fachwissen will der 17 Jahre alte Gymnasiast seine Erfolgsstrategie hingegen nicht zurückführen. Zwar habe er sich regelmäßig die 30-Tage-Charts im Handelsblatt angeschaut, „aber wirklich kapiert habe ich das nicht.“ Viele Entscheidungen seien deshalb „reines Bauchgefühl“ gewesen, bekundet Müller. Man muss ihm glauben, denn einen Gewinn, der wesentlich zum Erfolg beitrug, erzielten die „Allstars“ auch mit einer anderen Auto-Aktie, die damals und heute wohl viele nur mit spitzen Fingern angefasst hätten: Müller setzte auf den angeschlagenen Opel-Mutterkonzern General Motors – aus lokaler und familiärer Verbundenheit. „GM musste einfach sein, da gab´s keine Kompromisse. Und ehrlich gesagt, habe ich auch gar nicht weiter darüber nachgedacht. Ich wusste nicht einmal, was die Aktien kosten, bevor ich sie gekauft habe.“


Auch von der anhaltenden Wirtschafts- und Finanzkrise ließ sich Tim Müller, der von seinen weiblichen Mitstreiterinnen Ksenia und Olga nach deren Bekunden „alleinige Vollmacht für Entscheidungen und absolutes Vertrauen“ genoss, nicht beirren: „Das mit der Finanzkrise habe ich im Herbst überhaupt nicht richtig mitverfolgt. Eigentlich habe ich erst im Politikunterricht erfahren, was da los ist – durch Referate von Mitschülern.“


Der einzige Experte, dem Tim auf seiner ersten Reise in die Welt des Aktienhandels vertraute, war André Kostolany und dessen Weisheit: „Der dümmste Grund, eine Aktie zu kaufen, ist, weil sie steigt.“ Er habe deshalb besonders auf Aktien geachtet, die vorübergehend günstig zu erwerben waren.


Mit dieser Strategie ließen die „Allstars“ über 46 000 teilnehmende Teams hinter sich, und um ein Haar hätte es sogar für Platz Eins gereicht. Gegen Ende des Spiels, Mitte Dezember 2008, lieferte man sich nämlich ein hektisches Kopf-an-Kopf-Rennen mit den „Vier lustigen Drei“ aus Trier, die einen Tag vor Spielende noch an den führenden „Allstars“ vorbeizogen und letztendlich mit weniger als 900 Euro Vorsprung den Sieg einfuhren. „Das war natürlich schade“, sagt Olga Klein, „aber wir freuen uns sehr, dass wir so gut abgeschnitten haben und hierher nach Berlin kommen durften.“ Mit der Reise nach Berlin belohnte der Deutsche Sparkassenverlag die sechs besten Teams. Doch bis am letzten Tag der Reise Zeit für Kultur und Shopping übrig bliebt, galt es, sich auf die Bundessiegerehrung am 7. März vorzubereiten. In speziellen Workshops wurden die Teams geschult, um sich sicher und selbstbewusst vor Publikum und Fernsehkameras zu präsentieren.


Dabei ließ es sich Werner Netzel, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Sparkassen- und Giroverbandes, in seiner Rede nicht nehmen, auf die Relevanz des Planspiels Börse, gerade in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise, hinzuweisen: „Durch das Planspiel Börse können wir den jungen Menschen die Funktionsweise der Wirtschaft näher bringen. Wir wollen jeden, der hier teilnimmt, dazu befähigen, eigenverantwortlich zu handeln und mit Geld umzugehen.“ Dass daran viele der Teilnehmer scheiterten, belegt die Statistik, nach der sich nur 23 Prozent der Teams mit Gewinnen aus dem Planspiel verabschiedeten.


Die Zeiten, in denen die Gier nach maximaler Rendite den Aktienhandel bestimme, seien jedoch vorbei, sagte Netzel, Nachhaltigkeit gewinne stattdessen wieder an Bedeutung. Deshalb hat sich der Sparkassenverlag dazu entschlossen, entsprechende Änderungen am Reglement des Planspiels Börse vorzunehmen und etwa in Bezug auf die gehandelten Unternehmen im nächsten Jahr nicht nur ökonomische, sondern auch ökologische und soziale Kriterien geltend zu machen.


 


erschienen am 09.03.2009 im Groß-Gerauer Echo
Text: Alexandra Piepenbring
Bild: Sparkassenverlag / Stefan M. Rother