180 Schüler der mittleren Abschlüsse erhalten an den Beruflichen Schulen ihre Zeugnisse

180 Schülerinnen und Schüler nehmen ihre Zeugnisse der mittleren Abschlüsse entgegen.

Der afghanische Schüler Rahimullah Alokzai (Zweiter von rechts) hat mit einem Notenschnitt von 1,0 an den Beruflichen Schulen Groß-Gerau seinen Hauptschulabschluss gemacht. Foto: Vollformat/Alexander Heimann

Unter 180 Schülern der mittleren Abschlüsse, die an den Beruflichen Schulen (BSGG) jetzt ihre Zeugnisse entgegennahmen – überwiegend Berufsfachschüler und Schüler in Berufsvorbereitungsklassen – sind diesmal 16 junge Flüchtlinge, die sich über ihren Hauptschulabschluss sowie über ein Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz für ihre Deutschkenntnis freuen dürfen.

Erleichterung war in der Aula spürbar, Zuversicht auch, in Deutschland Fuß zu fassen. „Es ist das zweite Mal, dass wir über die Bildungsmaßnahme „InteA – Integration durch Anschluss und Abschluss“ – Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien und anderen Krisengebieten dank der Intensivklassen den Schulabschluss bescheinigen können“, sagte Fachschaftsleiter Alexander Röllig. 20 Flüchtlinge waren angetreten, 16 – darunter eine Frau – bestanden den Lernstoff erfolgreich.

Suche nach Ausbildungsplatz

Rahimullah Alokzai (18) hatte, mit schickem Anzug und blauem Hemd bekleidet, zwischen anderen Platz genommen. Der zurückhaltende und freundliche Schüler aus Afghanistan ist herausragender Absolvent des InteA-Jahrgangs, hat mit Notendurchschnitt 1,0 abgeschlossen.

„Rahimullah lebt seit April 2016 bei uns – wir sind seine Pflegefamilie“, sagte Regina Hessling am Rand der Feierstunde. Die Gymnasiallehrerin und ihr Mann, der Ingenieur Albrecht Hessling, die in Stockstadt wohnen, haben sich des Flüchtlings aus sozialer Verantwortung angenommen. Regina Hessling: „Wir haben drei Söhne und dachten uns, dass es auf einen mehr nicht ankommt.“ Zuhause werde Deutsch gesprochen, was Rahimullah helfe, die Sprache über den Unterricht hinaus zu vertiefen. Zu bedenken, was der Achtzehnjährige ebenso wie seine Mitschüler bereits durchleiden musste, sind Motivation, Ehrgeiz und Wille zur Integration umso höher zu bewerten: Respekt galt daher allen Absolventen der Intensivklassen in besonderer Weise.

„Rahimullah sollte von den Taliban rekrutiert werden. Als er sich weigerte, schlugen sie seinen Vater und brachen ihm selbst die Hand. Da verkaufte sein Vater drei Kühe, um einen Schlepper zu bezahlen, der Rahimullah außer Landes brachte. Er hätte in Afghanistan keine Chance gehabt“, berichtet Regina Hessling von seinem Schicksal. „Aber sein Asylantrag wurde nicht bewilligt und daher suchen wir einen Ausbildungsplatz für Rahimullah. Die Tatsache, in Ausbildung zu sein, schützt ihn vor Abschiebung. Gern hätte er mit Note 1,0 weiter eine Schule besucht“, so Hessling.

Derweilen gilt in der Aula der Beifall der Lehrer, der Eltern und Angehörigen allen 180 Absolventen, die InteA-Klasse, Bildungsgänge zur Berufsvorbereitung sowie die Berufsfachschule mit einem Realschulabschluss, der eine Spezialisierung beinhaltet (Medizin/Elektrotechnik/Wirtschaft), erfolgreich durchlaufen haben. „Ohne Fleiß kein Preis. Sie alle haben einen Meilenstein auf ihrem Weg erreicht“, würdigte Schulleiter Martin Gonnermann die Absolventen. Er wünschte beruflichen Erfolg, wünschte ihnen Freunde und Familie als Rückhalt auf ihrem Weg und er schloss mit den Worten: „Auf dass Sie ein glückliches Leben haben!“

Auch Michaela Eißler, Schulsozialarbeiterin der BSGG, sprach den scheidenden Schülern ihren Glückwunsch aus, las eine weise heitere Geschichte vor, die unterstrich, dass es gilt, das Wesentliche im Leben nicht zu versäumen: Es liege jenseits des beruflichen Erfolgs und der materiellen Güter, es sei das Glück, das im Zusammensein mit Freunden und geliebten Menschen besteht. „Achten Sie auf die Dinge, die Ihr Glück gefährden, setzen Sie Prioritäten.“

Im Gespräch am Rande berichtete die Sozialpädagogin von schulischer Unterstützung der jungen Flüchtlinge, die weit über den Unterricht hinausgeht: „Wie groß auch das Leiden war, das sie durchstanden haben, die Hoffnung auf ein gutes und friedliches Leben trägt sie.“

DIE INTENSIVKLASSE

Intensivklassen („InteA – Integration durch Anschluss und Abschluss“) an Beruflichen Schulen richten sich an junge Seiteneinsteiger und Flüchtlinge zwischen 16 und 18 Jahren.
Sie vermitteln grundlegende Deutschkenntnis, teils bereits verbunden mit beruflichem Fachsprachenerwerb, und dauern bis zu zwei Jahre.
InteA stellt flexible Übergänge in andere Bildungsgänge sowie zur Ausbildungs- und Berufswelt her.
Sozialpädagogische Begleitung wird vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration finanziert.

Groß-Gerauer Echo, 01.07.2017, von Charlotte Martin

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