Leben und arbeiten unter Hochbegabten

Wie verbringt der hessische Zwölftklässler eines beruflichen Gymnasiums seine Sommerferien? 

(v.l.) Christian Roos mit Sophie Mengel (Abitur 2018, Mint-Preis und Karl-von-Frisch-Abiturientenpreis), Laura Heizenröder (13 BG, Sommeruni Mainz), Thomas Hlubek (13 BG, Deutsche Schülerakademie), Anja Peters (13 BG, Fraunhofer Talent School)

von Thomas Hlubek

Wie verbringt der hessische Zwölftklässler eines beruflichen Gymnasiums seine Sommerferien? So mancher erholt sich vom anstrengenden zurückliegenden Schuljahr an idyllischen Mittelmeergefilden, um für das alles entscheidende Abiturjahr 2019 ausreichend Kraft zu tanken, oder geht in einem alpinen Abenteuerurlaub an seine physischen Grenzen.

Etwa 90 Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland konnten derartigen Freizeitgestaltungen nichts abgewinnen und besuchten im niedersächsischen Braunschweig eine gänzlich andere Veranstaltung: Ein „Feriencamp“ auf Hochschulniveau, die Deutsche Schülerakademie.

Die DSA als Hochbegabtenförderung

Die Deutsche Schülerakademie bietet Schülern, die als besonders motiviert, intelligent und zuweilen auch als hochbegabt wahrgenommen werden, die Chance, gleichaltrigen und ebenso interessierten Jugendlichen zu begegnen und sich mit Gleichgesinnten auf einem hohen fachlichen Niveau auszutauschen, wie es im normalen Schulbetrieb nur bedingt möglich ist.

Das pädagogische Ziel der Deutschen Schülerakademie ist es, bereits vorhandene Kenntnisse und Forschungsinteressen zu erweitern und zu vertiefen, gänzlich neue Gebiete kennenzulernen und rasch in sie einzudringen, sowie Grundsätze des universitär-wissenschaftlichen Arbeitens kennenzulernen und zu praktizieren.

Insofern geht die Arbeitsatmosphäre und insbesondere die Leistungsanforderung über das aus dem normalen Schulunterricht Gewohnte hinaus, sodass die Teilnehmenden intellektuell und methodisch an ihre Leistungsgrenze gebracht werden.

Vom Beruflichen Gymnasium zur Deutschen Schülerakademie

Auf dieses Konzept aufmerksam gemacht wurde ich durch Herrn Roos, der mich erfolgreich für die Deutsche Schülerakademie vorschlug und mir die einmalige Möglichkeit zur Teilnahme eröffnete. Nach gelungener Bewerbung erhielt ich eine Zusage für die Akademie in Braunschweig, die vom 5. bis zum 21. Juli 2018 stattfinden sollte.

Im Vorfeld des Akademiebeginns stand vor allem die Vorbereitung auf den gewählten Kurs im Mittelpunkt. Um sich genügend Vorwissen für die Kursarbeit erarbeiten zu können, ging allen Teilnehmenden ein Reader zu, der eine ausführliche Pflichtlektüre enthielt und Empfehlungen zu weiterführender Literatur gab. Zusätzlich dazu musste von jedem Teilnehmenden ein 20-minütiges Kurzreferat vorbereitet werden. Diese Vorträge waren wichtige Bestandteile der späteren Kursarbeit, weswegen sie ein hohes Maß an Sorgfalt und wissenschaftlicher Fundiertheit erforderten.

Bereits vor Beginn der Akademie fiel somit ein ordentlicher Arbeitsaufwand an, der die Erwartung fordernder zweieinhalb Wochen zunehmend konkretisierte.

Ankunft unter Sorgen

Schließlich war es dann soweit, der Anreisetag war gekommen und man betrat das Gelände des Christlichen Jugenddorfes in Braunschweig mit einem etwas beklemmenden Gefühl, erwartete man doch, von der sicher geglaubten intellektuellen Überlegenheit der anderen Teilnehmer früher oder später erdrückt und bloßgestellt zu werden.

Bald nach der Ankunft bat sich mir jedoch ein gegensätzliches, unerwartetes Bild: Statt mit kritischen Blicken wurde man mit offenen Armen empfangen, von den Kursleitenden ebenso wie von den zukünftigen „Klassenkameraden“. Sofort wurde man einander vorgestellt und erkundete entspannt im Zuge einer Rallye seinen Arbeits- und Lebensraum der nächsten zweieinhalb Wochen, bevor man jegliche Befürchtungen von einer verklemmten, konkurrenzgetränkten Atmosphäre allmählich verwerfen konnte, da einem die fremden Gesichter von Minute zu Minute vertrauter und sympathischer wurden.

Durchgeplanter, spaßiger Alltag

Beim abendlichen Eröffnungsplenum wurde der Tagesablauf der gesamten Akademiezeit ausführlich präsentiert. Jeder Tag war von 7:30 bis 21:00 Uhr strikt durchgeplant, verpflichtend war allerdings nur die Teilnahme am Kurs, die sich auf etwa 5-6 Stunden täglich belief. Die übrige Zeit konnte frei gestaltet werden, beispielsweise mit diversen kursübergreifenden Angeboten (KüAs), die mit schulischen AGs vergleichbar sind.

Die Gestaltung der Kurszeit oblag ausschließlich den jeweiligen Kursleitenden, während die KüAs sowohl von Teilnehmenden, als auch von Kursleitenden geleitet werden konnten. Jeder hatte die Möglichkeit, ein solches Angebot zu veranstalten. Sprach man eine exotische Sprache, konnte man anbieten, sie zu lehren. War man besonders bewandert in Naturwissenschaften bat sich die Option, eigenständig mit gleichfalls Interessierten ein Experiment zu initiieren.

Oftmals bot das kuriose Bild, dass Schüler den Kursleitenden einen bestimmten Lehrstoff näherbringen. So entschied sich unter anderem ein zukünftiger Doktor der Ägyptologie, von einer Teilnehmerin die altchristliche Sprache Aramäisch zu lernen.

Alternativ bat es sich an, insbesondere seinem musikalischen Talent freien Lauf zu lassen und sich in einer der vielen Bands, dem Chor oder im Orchester zu engagieren. Die Ergebnisse des intensiven Komponierens und Einstudierens, die jedes handelsübliche Schulorchester in den Schatten stellen würden, konnten in einem öffentlichen Konzert an einem der letzten Akademieabende genossen werden.

Unterricht in einer anderen Dimension

Der Kurs, den ich besuchen durfte, trug den vielsagenden Namen “Kein Kalter Krieg” und beschäftigte sich mit ausgewählten Konfliktbeispielen aus der Dritten Welt zur Zeit des Kalten Krieges, beispielsweise dem Korea- oder Vietnamkrieg. Hierbei wurden insbesondere die Rolle der beiden globalen Supermächte der USA und der UdSSR sowie die Handlungsautonomie lokaler Konfliktakteure und der Einfluss des internationalen Systemwettbewerbs der bipolaren Welt auf das Konfliktgeschehen kritisch betrachtet und analysiert.

Diese Kursbeschreibung lässt den Unterschied zum herkömmlichen und oft sehr oberflächlichen schulischen Lehrplan erahnen.

Auch die didaktischen Methoden der Kursleitenden unterschieden sich nahezu völlig von denen ausgebildeter Lehrkräfte. Unterrichtet wurden wir von einem hauptberuflich als außenpolitischer Berater tätigen Dozenten der Internationalen Geschichte und einer renommierten Autorin historischer Fachliteratur, was offensichtliche Spuren in der Unterrichtsgestaltung hinterließ.

Während man im herkömmlichen Schulbetrieb auf Tafelbilder und -anschriebe hoffen kann und sich so mancher Schüler ausschließlich auf diese verlässt, waren im akademieinternen Kursbetrieb eigene Mitschriften unabdingbar, um die umfangreichen Informationen, Thesen und Deutungen erfassen und verarbeiten zu können.

Dies diente vor allem der Erstellung einer sogenannten Dokumentation, die Themengruppen aus 2-3 Teilnehmenden gemeinsam zu einem Thema erstellten. Sie entstand vorwiegend aus den Inhalten der Kursreferate und wurde stetig mit weiterem Material angereichert und inhaltlich wie sprachlich präzisiert. Im Laufe der Akademie musste das Schriftwerk unzählige Male von den Kursleitenden gegengelesen und korrigiert werden, sodass seine Endfassung ein sehr dichter Text auf dem Niveau einer Mini-Bachelorarbeit bildete.

Von Fremden zu Freunden

Anders als befürchtet, entstand aus diesem Leistungsdruck unter den Teilnehmenden keine Konkurrenz, sondern vielmehr eine Synergie. Man kämpfte nicht für sich, sondern für die Gruppe, wollte man doch unbedingt den Ansprüchen der Kursleitenden gerecht werden und einen guten, bleibenden Eindruck hinterlassen. So entstand ein fortlaufend stärker werdendes Gemeinschaftsgefühl, das aus sich völlig fremden jungen Menschen eine starke Einheit entstehen ließ.

Am Ende der Akademie stand ein schwerer Abschied für alle Beteiligten, hat das gemeinsame Essen, Leben und Arbeiten doch einen starken und nachhaltigen Zusammenhalt zwischen den Teilnehmern entstehen lassen.

Was vor allem in Erinnerung bleibt, ist die Erfahrung einer einzigartigen Möglichkeit zur Selbstentfaltung und -reflexion, sowie ein außerordentlicher Beitrag zur Persönlichkeitsbildung und der intellektuellen Bereicherung. Man schloss Freundschaften auf fachlicher und doch sehr herzlicher und interessengestützter Basis, die bis lange nach der Akademie andauern werden. Bis heute stehen nahezu alle Teilnehmenden in regem Austausch miteinander.

Teilnahmechance als unausschlagbares Privileg

Jedem, der die Chance erhält, an einer solchen Akademie teilzunehmen, sei es wärmstens empfohlen, diese Chance zu nutzen. In jedem Fall ist die Teilnahme an der Deutschen Schülerakademie eine sehr bereicherndes und prägendes Privileg, das eine grundlegend neue Sicht auf effektives Lernen und den Effekt der schaffenden Gemeinschaft auf den eigenen Lernerfolg eröffnet und einen Vorgeschmack auf das wissenschaftliche Arbeiten an der Universität bzw. Hochschule liefert.

Ein Herzensanliegen meinerseits richtet sich an die Lehrerinnen und Lehrer, an die ich appelliere, die alljährliche Möglichkeit zum Vorschlag zweier Schüler für die Deutsche Schülerakademie gewissenhaft auszunutzen. Man wird Ihnen für die Chance dankbar sein, eine solch persönlichkeitsbildendes Erlebnis erfahren zu haben. Auch wenn dies bedeutete einen Teil der Sommerferien dafür opfern zu müssen, nicht am warmen Mittelmeerstrand zu liegen; darauf gebe ich Ihnen mein Wort.

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Der Darm – Wurzel der Gesundheit

von Laura Heizenröder

Normalerweise ist es nicht leicht für einen Schüler oder eine Schülerin in einem guten Labor ein Praktikumsplatz zu bekommen und wissenschaftliche Forschung hautnah zu erleben. Aus diesem Grund bietet die Mainzer Universitätsmedizin seit zwölf Jahren in den Sommerferien acht fünftägige Praktikumsprojekte mit unterschiedlichen Forschungsschwerpunkten an. Die Anzahl der Teilnehmer ist begrenzt, aber nicht allein die schulische Leistung ist entscheidend, sondern das persönliche Interesse für Biologie und Medizin.

2018 habe ich es geschafft, Teilnehmerin der zwölften Sommeruni zu werden, und war mehr als begeistert. Am Anfang dachte ich, dass der Darm ein nicht als zu besonderes Organ ist. Während meiner Zeit im Labor von Dr. Geethanjali Pickert wurde ich vom Gegenteil überzeugt. Da sich meine Forschungsgruppe mit Darmentzündungen und Darmkrebs beschäftigten, durfte ich selbst durch bestimmte Techniken nachweisen, ob eine Maus sich mit einer Darmentzündung infiziert hatte oder nicht. Dazu entfernte ich einer Maus ihren Darm und davon ein kleines Gewebestück, welches ich reinigte und danach in Wachs einbettete. Diese Präparate wurden mit einer Dicke von 4 nm geschnitten und waren bereit für die Hämalaun-Eosin-Färbung, welche den Nukleus und das Cytoplasma färbt. Durch die zeitaufwendige Färbung der Gewebepräparate konnten wir sie zum Schluss unter ein Fluoreszenzmikroskop legen und prüfen, ob eine Entzündung vorlag.

All diese Schritte durften wir Schüler selbst ausprobieren, was das Praktikum spannend gestaltet hat, da man nicht wie oft in der Schule nur neben dem Versuch stand. Was man an Vorwissen nicht mitbrachte, wurde von den Doktorandinnen und Doktoranden jederzeit verständlich erklärt.

Am ersten Samstag nach den Sommerferien trafen sich alle Sommeruni-Teilnehmer im Hörsaal der Universitätsmedizin und präsentierten vor den anderen Teilnehmern, den Eltern und Vertretern der Universität ihre Forschungsprojekte. Rückblicken kann ich sagen, dass es eine großartige Erfahrung war und es sich mehr als lohnt diese Chance zu nutzen. Ich kann jedem die Sommeruni nur als Herz legen.

Wenn du Spaß an Laborarbeiten hast und neugierig auf die Medizin, Immunologie oder Biomedizin bist, dann zögere nicht, sondern bewirb dich!

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